Marsus Geschichts-Blog

Referat: Frauen in der Roten Kapelle

8. Mai. 2008 · Keine Kommentare

NS-Frauenideologie

Wenn man sich mit dem Widerstand und Dissens von Frauen beschäftigt kommt man nicht darum herum die  Lebenssituation der Frauen nachdem ersten Weltkrieg  und die NS-Frauenideologie genauer zu betrachten. 

Nachdem ersten Weltkrieg lag der Frauenanteil der deutschen Bevölkerung bei 54%. Sie waren in den Arbeitsprozess eingebunden und hatten seit 1919 das aktive und passive Wahlrecht, (das waren immerhin 17. Mio. Frauen gegenüber 15. Mio. Männern) In der Weimarer Republik waren viele Frauen politisch Aktiv, vor allem in der sozialdemokratischen und kommunistischen Partei gab es einen grossen Frauenanteil. Diese Politikerinnen waren den Nationalsozialisten schon während der Weimarer Republik ein Dorn im Auge, denn die NSDAP war eine reine Männerpartei, Frauen durften keine Funktionen übernehmen. Selbst die Leiterin des NS-Frauenwerks und der NS-Frauenschaft hatte keinen Einfluss auf politische oder ideologische Entscheidungen.

Neben den politischen Aktivitäten waren die Frauen während der Weimarer Republik im Arbeitsmarkt integriert. 1925 lag der Anteil der arbeiteten weiblichen Angestellten bei 51.5%, wegen der Wirtschaftskrise sank dieser Anteil bis 1933 auf 49.3%. Trotz der NS-Frauenideologie stieg der Prozentsatz der arbeitenden Frauen im Dritten Reich wieder an. 1939 waren 52.5% und 1944 54% der Arbeitnehmer Frauen. Dies hatte natürlich auch mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges zu tun. Zwischen 1933 und 1936 kann man eine Umschichtung des Arbeitmarktes beobachten. Frauen aus der Haus- und Landwirtschaft übernahmen immer mehr Arbeitsplätze in der Konsumgüterindustrie, hier wurden die Arbeitsplätze frei, von den Frauen die in die Rüstungsindustrie abwanderten.

In der Propaganda der Nationalsozialisten rückten vor allem die Mütter in den Mittelpunkt. Das Frauenbild der Nazis sah in einem weiblichen Menschen nicht die Frau sondern die Mutter. Schon in den zwanziger Jahren umriss Hitler seine Vorstellung von der Rolle der Frauen in einem nationalsozialistischen Staat: „ Das deutsche Mädchen ist Staatsangehörige und wird mit ihrer Verheiratung erst Bürgerin.“ Laut der NS-Ideologie sollte sich die Frau um Mann, Familie, Kinder und Haushalt kümmern und so ihren Beitrag zum Volkswohl beisteuern. Die Frauen wurden in verschiedene Kategorien eingestuft, die welche in das rassistische Bild der Nationalsozialisten hineinpassten, Ehefrauen und Mutter waren, wurden als besonders wertvoll eingestuft, sie erhielten öffentliche, ideale und materielle Hilfe. Den Frauen denen der öffentliche Wert abgesprochen wurde, wurden als rassisch-minderwertig und asozial oder politisch nicht tragbar bezeichnet. Sie wurden denunziert, bewusst benachteiligt, beschädigt, zur Zwangsarbeit verschleppt, verfolgt und umgebracht.

Bei den wertvollen Frauen war Verhütung und Abtreibung unter Strafe verboten, bei den rassisch minderwertigen Frauen wurden diese in den KZs Zwangs durchgeführt. Mit dieser NS-Frauenideologie und Frauenpolitik versuchten die Nationalsozialisten das Familienleben zu politisieren. Viele Frauen fanden es trotz den Einschränkungen reizvoll propagandistisch umworben zu werden und passten sich den nationalsozialistischen Normen an, sie beteiligten sich an den Verfolgungshandlungen und wurden so zu den Mitbeteiligten an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Trotz der drohenden Gefahr und der Verfolgungen leisteten viele Frauen widerstand. Der Frauenanteil am gesamten Widerstand im Dritten Reich betrug 15%, sie hatten nicht die Möglichkeiten das Regime zu stürzen oder den Krieg zu verhindern oder zu beenden, dennoch sahen die Nationalsozialisten in ihnen  eine ernsthafte Bedrohung der Volksgemeinschaft. Wenn man sich die Gestapo Akten anschaut bekommt man ein differenziertes Bild was die Beteiligung der Frauen im Widerstand betrifft:

 Laut den Akten waren:

  •  5 bis 10 Prozent politisch Verfolgte
  • 20 bis 25 Prozent wurden aus religiösen Gründen verfolgt, der grösste Anteil hier waren die Zeugen Jehovas (Jüdinnen sind in dieser Zahl nicht enthalten)
  • 15 bis 22 Prozent waren es Alltagskonflikte, vor allem während des Kriege

Wie sah nun der Widerstand der Frauen im konkreten aus? Am Beispiel der Roten Kapelle soll diese Frage nun beantwortet werden.

 

Allgemeines zur Roten Kapelle:

Die Rote Kapelle ist ein von der Gestapo geschaffenes Organisationskonstrukt, das in der Realität nicht bestanden hat. Bei der Roten Kapelle handelte es sich um verschiedene Widerstandsgruppen die zum teil miteinander verknüpft und zum teil unabhängig waren. Der Unterschied zu den restlichen Widerstandsgruppen im Dritten Reich war ihre unterschiedliche soziale und kulturelle Herkunft und der grosse Anteil an Frauen die Aktiv am Widerstand teilnahmen. Die Rote Kapelle kann man in vier Bereiche einteilen.

 

  1. Es handelt sich um unabhängige Widerstandskreise, die sich 1939 zusammen taten.
  2. Das nachrichtendienstliche Netz um Leopold Trepper, der sich nachdem Krieg damit brüstet der Gründer der Roten Kapelle zu sein, was nicht stimmt. Seine Stützpunkte warnen in Frankreich und Belgien, er handelte im Auftrag der sowjetischen Militäraufklärung und arbeitete eng mit der Résistance zusammen.
  3. Der Autonome Bereich um Rudolf von Scheliha
  4. Der Kreis welcher bereits vor 1933 nachrichtendienstlich für die Sowjetunion als Funker ausgebildet wurden.

In der Literatur zur Roten Kapelle wurden nach 1945 diese unterschiedlichen Widerstandszusammenhänge oft unzulässig miteinander verknüpft. Dies geschah, weil man die Gestapoakten eins zu eins übernahm und nicht berücksichtigte dass die Gestapo bereits während den Verhören die Akten fälschten. Diese Akten wurden auch vom FBI nachdem Krieg übernommen, was dazu führte das viele der überlebenden Widerstandskämpfer weiterhin unter Beobachtung standen und als Spione angesehen wurden.

Wie sah der Widerstand der Gruppen aus?

Der Ursprung liegt in den letzten Jahren der Weimarer Republik, die Weltwirtschaftskrise und das Scheitern der parlamentarischen Demokratie an den sozialen und politischen Problemen, und  die traditionelle Frontstellung zwischen links und rechts wurde in bestimmten intellektuellen Kreisen und einem Teil der jungen Generation als überholt empfunden. Neue politische Gemeinschaften bildeten sich, zu diesen Kreisen  gehörte die Gruppe von Harro Schulze-Boysen. Ihr Programm war die Einheit jenseits der blossen Antithesen des Klassenkampfes, ihr Ziel einen Umbruch, mit dem der Gegensatz  von nationaler und sozialer Frage überwunden werden sollte. Die Gruppe um Arvid Harnack, gegründet 1931, studierten die sowjetische Planwirtschaft und die Vorzüge und Grenzen einer staatlichen Wirtschaftslenkung. Die Gruppe war auch ein Diskussionsforum jenseits aller politischen Lager.

Diese früh geschlossenen Freundschaften, Gesprächskontakten und die gemeinsame politische Überzeugung bildeten den Grundstock für den späteren Widerstand. Einige der Gruppenmitglieder machten zu dem  Bekanntschaft mit der Gewaltbereitschaft der Nazis. So wurde Harro Schulze-Boysen im April 1933 von der  SS verhaftet und gefoltert. Der Widerstand der einzelnen Gruppen war zunächst ein Versuch der Behauptung der in den Auseinandersetzungen der späten Weimarer Republik gewonnen politischen und kulturellen Identität gegenüber Konformitätsdruck der Diktatur. Ab 1939 begann die Zusammenarbeit der verschiedenen Freundenskreise, Anlass dazu war der Hitler-Stalin Pakt vom 23. August 1939. Ein Jahr später  entstand eine intensive Widerstandstätigkeit der Gruppen Schulze-Boysen und Harnack, die mit der Verhaftung der Mitlieder im Herbst 1942 endete. Sie verfassten Flugblätter und illegale Schriften, organisierten Zettelaktionen im Berliner Lustgarten und sammelten belastetes Material über die Massenerschiessungen von Zivilisten im Osten. Diese Flugblätter sollten die Bevölkerung über die Verbrechen der Nazis aufklären. Harro Schulze-Boysen erfuhr bei seiner Arbeit von den Plänen Russland zu überfallen, dies führte dazu, dass die Gruppe sich entschloss die Angriffspläne der  sowjetischen Botschaft zu übergeben. Diese Informationen gelangten nach Moskau zu Stalin, dieser nahm das ganze aber nicht ernst.

Die Gestapo was seit langem auf die Flugblätter aufmerksam geworden, konnten aber keine Verbindungen zu der Roten Kapelle herstellen. Erst als die Sowjetunion dir richtigen Namen und Adressen übermittelte und dieser Funkspruch von der Gestapo dechivriert wurde, kamen sie den Frauen und Männern auf die Spur.

 

Die Frauen der Roten Kapelle

Im Herbst 1942 wurden 139 Menschen verhaftet davon waren es 52 Frauen. Von diesen 52 Frauen wurden 36 verurteilt, 20 von ihnen zum Tod. Die ersten drei starben drei Tage nach der Verkündung des Urteils am 22. Dez. 1942, Mildred Harnack-Fish starb am 16.2.1943, Erika Brockdorff am 13. Mai und 11 Frauen starben am 5. August 1943 im drei Minutentakt. Um 19.09 wurde die erste Frau Frida Wesolek ermordet und um 19.45 starb als letzte Liane Berkowitz.  Das Hinrichtungs-Protokoll gibt einen peniblen Einblick in das System. Darin wurde alles vermerkt, vom dem Zeitpunkt an wo den Verurteilten die Hände auf den Rücken gebunden wurde bis zum Zeitpunkt wo das Fallbeil viel. Diese Protokolle kann man in der Gedenkstätte des Deutschen Widerstandes in Berlin einsehen.

Die meisten Frauen kannten sich vor der Verhaftung nicht und lernten sich erst im Gefängnis kennen. Das zeigt wie unterschiedlich die Gruppen waren und man nicht von einer einzigen Widerstandsgruppe ausgehen kann.

Die Frauen der Roten Kapelle passten nicht in das Bild der Nazis, es waren alles selbstbewusste und selbständige Frauen. Zwar waren sie von unterschiedlicher Herkunft dafür hatten sie grosse Gemeinsamkeiten was die Bildung- und Berufstätigkeit betrifft.

10 der 36 Frauen schlossen „nur“ mit Volksschule ab. Die meisten besuchten weiterführende Schulen und einige beendeten diese mit der mittleren Reife.

Eindrittel hatten Abitur und einen Hochschulabschluss, sechs von ihnen besuchten eine Handelsschule, 5 waren Lehrerinnen, 4 absolvierten eine Künstlerische Ausbildung und sieben studierten an der Universität.

Viele der Frauen bildeten sich auf dem zweiten Bildungsweg weiter, da sie meist aus finanziellen Gründen das Abitur abbrechen mussten. Als Beispiel kann man Ursula Goetze anschauen, sie musste aus finanziellen Gründen das Gymnasium verlassen und besuchte dann eine höhere Handelsschule wo sie als Stenotypistin ausgebildet wurde. Sechs Jahre arbeitet sie auf ihrem Beruf und besuchte nebenbei das Abendgymnasium. Nach dem Abitur begann sie 1940 mit einem Romanistik Studium. 9 der 36 Frauen beherrschten eine Fremdsprache und die meisten reisten viel und lernten so andere Länder und Kulturen kennen. 15 waren bereits vor 1933 politisch aktiv, die meisten waren in der KPD oder in der KJVD tätig, was sie wiederum zu Gegnern der Nazis machten und sie nach 1933 zu den verfolgten zählten. Einige von ihnen wurden in dieser Zeit auch schon verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteil. So muss Ilse Schaeffer 1936 für ein Jahr ins Gefängnis und Marta Husemann wurde für einige Monate im KZ Moringen inhaftiert.

Neben den sozialen Merkmalen wich auch der Familienstand von der Norm ab. Das Durchschnittsalter der 36 verurteilten Frauen war 37 Jahre. Von ihnen waren

12 ledig, 22 verheiratet, 2 verlobt

12 der Frauen hatte bis maximal 3 Kinder, wobei die Kinder von vier Frauen bereits Erwachsen waren. 2 waren bei der Verhaftung schwanger und gebaren ihre Kinder im Gefängnis bevor sie hingerichtet wurden.

Dies steht zum Gegensatz zu den Frauen der Verschwörer des 20. Juli 1944, hier waren es Frauen aus gut- bis grossbürgerlichen und adliger Herkunft mit einer guten bis sehr guten Schulbildung, diese Frauen haben jung geheiratet und hielten ihren Männern den Rücken frei. Sie waren nie aktiv am Widerstand beteiligt. Die Frauen der Verschwörer waren Zuhörerinnen ihrer Männer, ganz im Gegenteil von den Frauen der Roten Kapelle die aktiv mitarbeiteten. Sie führten neue Mitstreiter in die Gruppen ein und steuerten wichtig Nachrichten bei.

Libertas Schulze-Boysen arbeitete bei der Kulturfilmzentrale beim Reichspropagandaministerium, sie stelle eine Fotosammlung über die deutschen Verbrechen in den besetzten Gebieten zusammen und schaffte einen Schriftkopierapparat an um Zeitungsausschnitte, Berichte und Flugblätter zu vervielfältigen. Greta Kuckhoff arbeitete als freie Übersetzerin u.a für das Rassenpolitische Amt. Sie nahm beim Völkischen Beobachter Deckblätter mit, diese wurden dann als Tarnumschläge verwendet. Andere Frauen übersetzten Flugblätter für Fremdarbeiter und verteilten diese unter ihnen. Hilde Coppi hörte die russischen Sender ab um etwas über deutsche Kriegsgefangene zu erfahren. Dann halfen sie bei der Beschaffung von Lebensmittelkarten für Jüdische Bürger und versuchten sie über die Grenze zu bringen. Ihre Wohnungen stellten sie für Besprechungen zur Verfügung oder sie versteckten sowjetische Funker, hier wussten sie aber nicht um wen es sich in Wirklichkeit handelte.

Anhand der verschiedenen Biografien kann an erkennen, dass die Frauen aus durch ihre Lebenserfahrungen zum Widerstand kamen, auch war für sie selbstverständlich das sie als gleichwertige Partner als Miteinander gegen den Nationalsozialismus kämpften. Nach der NS-Ideologie war es ja so, dass die Geschlechter unterschiedliche Wirkungskreise hatten, dieses Gesellschaftsbild war innerhalb der Roten Kapelle nicht vorhanden. Nun kann man versuchen  nach Äusserungen der Roten Kapelle im Bezug auf Frauen zu suchen, da findet man aber nichts, ausser den Satz in einem Flugblatt wo sie schrieben: „Die Frauen trauern dem entschwundenen Familien- und Lebensglück nach.“ Die Frauen und Männer der Roten Kapelle setzen alle auf die gleichen Prioritäten – die Verhinderung bzw. Beendigung des Krieges und die Abschaffung des herrschenden Systems. In wie weit die Männer die Frauen in ihrem politischen Denken beeinflusst haben, kann man nicht mehr genau nachvollziehen. Man weiss aber von der Biographie Mildred Harnack-Fish das sie bereits in den USA die politischen Ansichten ihres Mannes teilte. Da beide sehr lebhaft darüber Diskutiert hatten.

Es gibt viele Motive für die Frauen in den Widerstand zu gehen. Was besonders bei der Roten Kapelle hervorzuheben ist, ist dass sich hier Christen, Sozialisten, Kommunisten und bürgerlich-humanistische geprägte Frauen und Männer zusammenfanden und einen gemeinsamen Weg fanden miteinander umzugehen. Was in dieser Zeit nicht selbstverständlich war. Aus den weltanschaulichen und politischen Überzeugungen der Mitglieder wuchs ein Widerstand gegen das Terror Regime. Was sie verband war die Bekämpfung eines verbrecherischen Systems, die Sorge um Deutschlands Zukunft, und die Sehnsucht nach Frieden.

Kategorien: Rote Kapelle · Widerstand im Dritten Reich
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